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ADHS bei Frauen: übersehen, kaum erforscht, selten behandelt

Eine enge Freundin sagte in einem Gespräch: „Mein Arzt denkt, ich habe ADHS.“ Für mich war ADHS bis dahin ein Klischee aus Zappelphilipp und Ritalin. Dass ADHS bei Frauen und Mädchen aber ganz anders ist, habe ich erst jetzt erfahren.

Das Gefühl weniger zu können, zerstört das Selbstbewusstsein.
Das Gefühl weniger zu können, zerstört das Selbstbewusstsein.
Unsplash / Jakub Kriz

Tragisch ist bei dieser gesellschaftlichen Blindheit: Ein deutlicher Anteil (30 bis 60 Prozenz) hat auch im Erwachsenenalter noch ADHS-Symptome. Während es bei Männern aber meist in der Kindheit festgestellt wird, laufen viele Frauen viel zu lange ohne Diagnose durch die Gegend.

Was bedeutet das für die Frauen wie meine Freundin?

Es bedeutet Scham und Selbstzweifel, da die Probleme ohne Diagnose ja nicht verschwinden! Selbstkontrolle, Disziplin, Konzentration und soziales Agieren sind bei ADHS beeinträchtigt, ob die Betroffenen es nun wissen oder nicht.

ADHS bei Mädchen häufig übersehen

Bei ADHS sind Gehirnbereiche verändert, die für die Verhaltenssteuerung und die Konzentrationsfähigkeit verantwortlich sind. Die Botenstoffe arbeiten anders als „gewöhnlich“.

Studien aus Amerika legen nahe, dass Mädchen und Frauen mit ADHS sich eher zurückziehen: Ihre Probleme „verursachen“ keine Probleme.

Vereinfacht gesagt: Das verträumte Mädchen, was sich nicht konzentrieren kann und schlechte Leistungen zeigt, fordert den Erzieher und Lehrer weniger als der laute Chaot.

Es kann also einfach übersehen werden. Sind die Mädchen doch hyperaktiv und impulsiv, ist es natürlich nur „eine Phase“ oder die mangelnde Erziehung der Eltern.

Obwohl Experten davon ausgehen, dass ähnlich viele Mädchen wie Jungen von ADHS betroffen sind, ist das Verhältnis bei der Diagnose 3:1. Das bedeutet: zwei Drittel aller betroffenen Mädchen erhalten keine Diagnose und keine Hilfe.

Frauen bei Studien weniger berücksichtigt

Ein Sonderschulpädagoge aus unserem Bekanntenkreis geht davon aus, dass Menschen in 30 Jahren auf unsere Diagnosen zurückschauen und uns für blinde Barbaren halten werden.

Das Gehirn ist immer noch wenig erforscht. Bis heute bilden die Grundlage bei einer ADHS-Diagnose klinische Studien aus den 70er Jahren, die hauptsächlich an weißen Jungen durchgeführt wurden.

In klinischen Studien werden Frauen vermindert herangezogen – das sorgt für weitere blinde Flecken. Für Mädchen und Frauen bringt das Risiken mit sich:

  • Eine Studie aus Schweden zeigt, dass Mädchen mit ADHS ein erhöhtes Risiko für einer frühen Schwangerschaft haben. Denn das weibliche ADHS geht scheinbar mit einem verminderten Gefahrenbewusstsein einher.
  • Auch das Risiko von Selbstverletzungen und für einen Suizid ist erhöht bei Mädchen und Frauen mit ADHS. Außerdem entwickeln viele Frauen Essstörungen als Begleiterscheinung, um die als störend wahrgenommene Energie zu kontrollieren.

Negativ, negativ, negativ

Meine Freundin ist ein unendlich kreativer und vielseitig begabter Mensch. Sie leidet aber genau darunter, weil ihr das Dranbleiben schwerfällt.

  • Während ich sie liebenswert schusselig finde, hält sie sich für unfähig.
  • Ihr Chaos bewertet sie als Faulheit.
  • Ihre Konzentrationsprobleme sieht sie als Dummheit.

Wenn sie über sich spricht, erkenne ich meine wunderbare Freundin nicht mehr unter all den Negativbeschreibungen.

Viele dieser Komplexe sind dem jahrelangen Nicht-Wissen und der ausbleibenden Hilfe geschuldet. Das Gefühl, nicht zu passen und weniger zu können, zerstört das Selbstbewusstsein Stück für Stück.

ADHS bringt Probleme im Alltag mit sich und führt zu einem negativen Selbstbild. Denn Träumen mag zwar nicht den Unterricht stören, aber als leistungsfähig wird das träumende Mädchen auch nicht bewertet.

Der Alltag hat zu viele Reize und zu viele Ansprüche

ADHS bringt eine hohe Risikobereitschaft und viel Energie mit sich. Diese Energie muss jedoch in positive Bahnen gelenkt werden, da sie sich sonst gegen den Menschen richtet.

Heute gibt es viel mehr Behandlungsmöglichkeiten als nur die Medikamente. Die Therapieansätze helfen den Menschen zu einer angepassten Struktur in ihrem Alltag. Denn es sind die Alltäglichkeiten, die auch meiner Freundin schwerfallen.

Über die Jahre hat sie sich von vielem zurückgezogen, weil es für sie zu anstrengend war. Mit Hilfe und urteilsfreiem Verständnis für die eigenen Besonderheiten lässt sich der Alltag jedoch schaffen.

Das kreative Potential und all die Energie brauchen einen sicheren Rahmen. Das setzt jedoch immer die Diagnose voraus, denn nur wenige entwickeln aus sich heraus gesunde Coping-Strategien.

Abwertende Rückmeldungen, das negative Selbstbild und Überforderung verhindern das Vorankommen. Wie in einem Strudel fühle sich der Alltag in schlechten Zeiten an, beschreibt meine Freundin es.

ADHS-Diagnose als Befreiung

Frauen bemerken die Symptome oft erst in der Pubertät oder während/nach einer Schwangerschaft.

  • In der Pubertät wird ADHS bei Mädchen als Rebellion missverstanden. Viele Mädchen entwickeln energiefressende Coping-Strategien, um ihre vermeintlichen Defizite zu verstecken und nicht aufzufallen.
  • Als Neu-Mutter wird das Verhalten einer Überforderung zugeschrieben. Die Frau wird beurteilt und auch damit eine Diagnose verhindert.

Meine Freundin kann nicht so genau benennen, wann die Probleme bei ihr begannen. Sie fühlte sich eigentlich immer falsch. Erst mit der Diagnose fällt dieser Druck langsam von ihr ab. Mit einem Mal haben die Herausforderungen einen Namen und es geht nicht mehr um Schuld.

Ich hätte ihr das von Herzen früher gewünscht und hoffe, dass sie sich bald sehen kann, wie ich sehe: als starke, kreative und besondere Frau.

Quellen