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„Hauptsache Kind, Hauptsache gesund, Hauptsache da“

vonAnja Polaszewski | freie Autorin
© Pexels/ Alex Green

Wenn der Kinderwunsch jahrelang unerfüllt bleibt, kann das eine große Belastung für Paare sein. Unsere Autorin Anja Polaszewski hat sich mit einer Betroffenen unterhalten.

Stella [Name von der Redaktion geändert] ist Mitte Dreißig, beruflich erfolgreich, wohnt mit ihrem Ehemann in einem schönen Holzhaus und ist eigentlich sehr zufrieden. Und uneigentlich? Träumt sie schon länger sehnsüchtig von einem eigenen Kind. Seit über drei Jahren versucht das Paar, sich diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Alle bisherigen Maßnahmen – von allgemeinen körperlichen Untersuchungen über die Bauchspiegelung bis hin zur Reagenzglas-Befruchtung scheiterten.

Doch während sich der Kinderwunsch inzwischen zu einem zermürbenden Kampf entwickelt hat, orientiert sich Stella vor allem an folgendem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Beginnen wir von vorn: Stella, wie kam es zu eurem Kinderwunsch?

So, wie es eigentlich immer beginnt: Wir waren einfach bereit für ein Kind. Also setzte ich Ende 2017 die Pille ab.

Wir zweifelten nicht daran, dass sich unser Wunsch recht schnell erfüllen würde. Mein Partner brachte einen Sohn mit in die Beziehung, wir hätten gerne noch ein Mädchen dazu.

Wir beschäftigten uns zu diesem Zeitpunkt mit ziemlich luxuriösen Fragen wie: Hat irgendetwas Auswirkungen auf das Geschlecht des Kindes? Wann soll das Baby geboren werden? Am besten im Sommer, dann können wir Gartenpartys ausrichten – ein wahrer Traum in meiner Vorstellung. Aber unser Baby ließ auf sich warten.

Nach ein paar weiteren Monaten vergeblichen „Übens“ war es dann egal, ob es ein Mädchen oder Junge würde. Scheiß auf das Sommerfest. Im Juli 2018 heirateten wir erst einmal.

Nachdem Du weiterhin nicht schwanger wurdest, folgten körperliche Untersuchungen …

Genau, nach etwa einem Jahr ohne Verhütung habe ich bei der Frauenärztin unter anderem auch meine Schilddrüse checken lassen. Alles in Ordnung.

Gendermedizin:

Sie gab mir unterstützend ein Hormonpräparat mit und meinte:

Alles noch im Rahmen, denn immerhin neunzig Prozent der Paare würden innerhalb eines Jahres schwanger.

Alle anderen, in diesem Zusammenhang relevanten Werte waren auch okay, weitere Krankheiten wie Diabetes und Rheuma konnten ausgeschlossen werden.

Ein paar Wochen später bin ich wieder zur Frauenärztin; dieses Mal verwies sie uns dann aber doch direkt an eine Kinderwunschklinik …

Langsam schlichen sich negative Gedanken ein. Was, wenn gesundheitlich etwas mit mir nicht – oder mit meinem Mann nicht mehr – stimmte?

Ursachen und Hilfestellen

Begannen da schon die Gedanken um eine künstliche Befruchtung zu kreisen?

Ja, aber mein Mann hieß künstliche Maßnahmen zunächst einmal nicht gut. Immerhin sind wir gesund, er hat bereits ein Kind. Außerdem spielt ja auch der Kostenfaktor eine Rolle.

Wir einigten uns darauf, es noch einmal ein halbes Jahr auf natürlichem Wege zu versuchen und – sollte ich dann nicht schwanger sein – uns an eine Klinik zu wenden.

Tja, letzteres taten wir dann … Wir waren zwar neugierig und motiviert, aber auch ziemlich skeptisch und ein wenig ängstlich. Man entnahm uns Blut, untersuchte das Sperma meines Mannes, schaute, ob ich Eisprünge habe und wie die Gebärmutterschleimhaut aufgebaut ist. Alles in Ordnung.

Was machte das mit Dir – und wie ging es weiter?

Sechs weitere Monate gingen ins Land, und ich wurde immer trauriger.

Früher dachte ich: In unserer Familie gibt es so viele Kinder; wieso sollte ausgerechnet ich Probleme mit dem Schwangerwerden bekommen?

Ich wollte handeln, also entschied ich mich im Februar 2019 für eine Laparoskopie, eine Bauchspiegelung unter Vollnarkose, um auszuschließen, dass ich keine Verklebungen oder ähnliches habe.

Bei einem kurzen Vorgespräch wurde nicht viel erklärt, umso größer war dann die „Überraschung“, als ich im Aufwachzimmer zu mir kam: vier große Pflaster am Bauch, unter jedem Pflaster Nähte. Da habe ich Angst bekommen. Bestimmt haben sie etwas gefunden

Eine Erklärung folgte erst am nächsten Tag: Ein paar Verklebungen am Darm seien entfernt worden, ansonsten sei alles in Ordnung.

Ich war sauer, enttäuscht, traurig. Ich saß da und hatte keine Ursache – und damit auch keine Idee für eine Lösung. Wir versuchten, etwas zur Ruhe zu kommen. Ende 2019 hatten wir dann unsere erste „künstliche Befruchtung“.

Wie lief das ab? Muss man sich darauf vorbereiten?

Intensiv sogar. Ich spritzte knapp zwei Wochen lang täglich Hormone – nach ein paar Tagen sogar zweimal täglich –, um den Eisprung zu verhindern. Mit weiteren Spritzen danach wurde dann der Eisprung ausgelöst, und genau sechsunddreißig Stunden später fand dann die Eizellenentnahme statt.

Das alles hatte ich soweit gut überstanden. Aber nach der Punktion schwoll mein Bauch an, und ich hatte starke Schmerzen. Ich brauchte ganze drei Tage, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber keine Sorge: Das ist nicht immer so: Vielen Frauen geht es direkt danach wieder gut.

Jedenfalls wurden neun Eizellen für geeignet befunden und teils mit IVF, teils mit ICSI befruchtet. Nur die „ICSIs“ – drei an der Zahl – überlebten.

 

Einen Embryo habe ich mir einsetzen lassen, die anderen beiden blieben in der Tiefkühltruhe. Jetzt musste Geduld her. Zwei Wochen lang warten.

Ich spielte dem Embryo jeden Tag „Blue Velvet“ vor, streichelte meinen Bauch, entspannte mich. Ich ernährte mich gesund, trank keinen Alkohol – und das auch an meinem Geburtstag.

 

Spätestens an diesem Tag setzten wir als Paar uns mit der Frage auseinander: Wem wollten wir eigentlich von der ganzen Odyssee erzählen? Wir entschieden: nur meinen Eltern.

Meine Mutter fing an, mir Schwangerschaftskleidung zu kaufen. Ich googelte nach Babybetten, Kinderwagen, Tragetaschen. Mein Mann stellte sich vor, wie er mit dem Kleinen Boot fährt und nochmal Papa ist.

Es hat leider nicht geklappt …

Richtig. Ich bekam pünktlich meine Tage.

Trauern, grübeln, aufstehen. Wir hatten ja noch zwei Embryonen und waren geübt im Weitermachen. Im neuen Zyklus ließ ich mir gleich beide Embryonen einsetzen, das nennt man „Kryozyklus“, und das war für mich wesentlich entspannter. Wir würden auch mit Zwillingen klarkommen. Hauptsache Kind, Hauptsache gesund, Hauptsache da.

Mit zwei Embryonen im Bauch konnte ja so viel nicht mehr schief gehen …

Der Test ergab leider das Gegenteil. Und auch der zweite Frischzyklus [Anm. d. Red. Frischzyklus meint die Eizellenentnahme] brachte uns nicht weiter. Wieder eine Nullbefruchtung …

Und dann kam Corona. Wie ging es in den turbulenten Zeiten des Virus‘ für euch weiter?

Die Klinik führte keine Frischzyklen mehr durch, und eingefrorene Embryonen hatten wir ja nicht mehr. Zwischenzeitlich erwarteten zwei meiner Freundinnen schon ihr drittes Kind …

Und so legten wir gewissermaßen eine Zwangspause ein, mein Körper musste sich ja mal erholen. Die Pause war auch psychisch wichtig für uns:

Nach dem zweiten Fehlversuch war mein Mann im Auto weinend zusammengebrochen, nachdem wir das Ergebnis erfahren hatten. Ich tröstete ihn – und weinte dann später mit meiner Mutter am anderen Ende des Telefons …

Was passierte mit eurer Hoffnung?

Die war für eine ganze Weile weg. Die Stimmung war schlecht, die Beziehung angeknackst.

Ich recherchierte im Internet, die Foren sind voll von unerwünscht Kinderlosen, aber ich empfehle: bitte nicht machen. Hier sollte jeder seinen eigenen Weg finden und gehen.

 

 

Anzeichen und Hilfen:

Ich fand dennoch für uns heraus: Omega 3 intravenös vor und nach einer Punktion kann dem Immunsystem die Alarmfunktion nehmen; es sagt dem „System“: Hier kommt ein Fremdkörper, aber das ist okay. Der Arzt in unserer Kinderwunschklinik bestätigte mir: sechzig Prozent mehr Erfolg.

Jedenfalls habe ich jetzt wieder Hoffnung.

Wie geht es jetzt weiter?

Den dritten Versuch starten wir sobald wie möglich. Für die ersten drei Versuche übernimmt ja die Krankenkasse die Hälfte der Kosten, danach müssen wir – so nötig – selbst voll zahlen.

Wir machen auf jeden Fall weiter.

Und zu guter Letzt? Gibt es auch noch andere Möglichkeiten. Früher hätten wir uns nicht mal das Thema künstliche Befruchtung vorstellen können. Und jetzt? Öffnen wir uns beispielsweise auch dem Thema Adoption immer ein Stückchen mehr …

Leben bedeutet eben Entwicklung. Und andersherum.

 

Liebe Stella, ich danke Dir für dieses Gespräch und Deine Offenheit.

Sehr gerne.

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