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Wegen Corona: Schwangerschaftsabbruch auch zuhause möglich

© Pexels/ Alex Green

Ein Schwangerschaftsabbruch findet normalerweise in einer Klinik statt. Wegen der Corona-Pandemie ist eine Abtreibung ganz ohne Klinikbesuch möglich – auch in Deutschland gibt es erste solche Angebote. Alle Infos.

Schwangerschaftsabbruch zuhause: Vorreiter Großbritannien

In England, Wales und Schottland wurden schon im April 2020 die Abtreibungsbestimmungen wegen der Corona-Pandemie geändert. Frauen müssen normalerweise bei einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch die erste von zwei Tabletten im Krankenhaus einnehmen.

Seit der Änderung kann ein Schwangerschaftsabbruch bis zur zehnten Schwangerschaftswoche auch ganz zuhause stattfinden. Die einzige Voraussetzung: eine telefonische Beratung durch einen Arzt.

Grund für die Änderung der Abreibungsbestimmungen ist der Schutz von Risikopatientinnen. Denn sie setzen sich bei dem Betreten von Kliniken großen gesundheitlichen Gefahren aus. Um zu verhindern, dass diese Frauen in der Corona-Pandemie auf andere unsichere Maßnahmen zur Abreibung zurückgreifen, wurden die Regelungen angepasst.

So funktionieren Abtreibungen in Deutschland

In Deutschland läuft ein Schwangerschaftsabbruch etwas anders ab – er ist bis zur 12. Schwangerschaftswoche straffrei möglich. Bei einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch bis zur neunten SSW kommt in der Regel der Wirkstoff Mifepristion zum Einsatz.

So funktioniert die Abtreibungspille (Mifepristion)

Bei einem Schwangerschaftsabbruch kommt der Wirkstoff Mifepristion zum Einsatz. Die Pille kann bis zum Ende der 9. Schwangerschaftswoche genommen werden.

Der Wirkstoff führt zu einer Trennung von Plazenta und Embryo. Ohne die lebenserhaltende Plazenta stirbt der Embryo ab.

Ein bis zwei Tage nach der Einnahme wird ein Medikament (mit dem Wirkstoff Prostaglandin) gegeben, das Wehen auslöst..

Bevor der Schwangerschaftsabbruch durchgeführt werden kann, müssen jedoch einige Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Die Schwangerschaft wurde von einem Arzt festgestellt.
  • Die Frau hat sich von einer staatlich anerkannten Stelle beraten lassen.

In Deutschland darf die Einnahme der Abtreibungspille nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Und auch für die Einnahme der zweiten Tablette müssen Frauen von einem Arzt untersucht werden.

Häuslicher Schwangerschaftsabbruch – auch in Deutschland?

Schon im April forderten die Organisationen „Doctors for Choice“, „Pro Choice Deutschland“, „Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft“ und „Pro Familia“ in einem offenen Brief einen leichteren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in der Corona-Zeit.

Darin heißt es:

Angesichts der Corona-Pandemie wird der Zugang von ungewollt Schwangeren zum legalen Abbruch akut gefährdet bzw. unmöglich sein,

  • als Folge der schon bestehenden oder zu erwartenden Engpässe in Praxen und Kliniken oder vorübergehender Praxisschließungen wegen Quarantäne.
  • durch die de facto Ausgangssperre aller BürgerInnen,
  • und weil der Schwangerschaftsabbruch als elektiver Eingriff von vornherein abgelehnt werden könnte.

Die Organisationen setzen sich für den Home-use (also nicht in einer Praxis) unter telemedizinischer Betreuung ein. Hierbei beziehen sie sich auf eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) aus dem Jahr 2015. Darin heißt es, dass bis zum 63. Tag der Schwangerschaft ein Schwangerschaftsabbruch zuhause (ein sogenannter „Home-Use“) eine sichere Methode darstellt.

Modellprojekt in Berlin: Telemedizinisch begleiteter Schwangerschaftsabbruch

Das Familienplanungszentrum Balance in Berlin bietet jetzt in einem Modellprojekt einen medikamentösen und telefonisch begleiteten Schwangerschaftsabbruch von zuhause an. Schwangere bekommen ihre Medikamente per Post zugeschickt – die Medikamenteneinnahme wird per Video- oder Telefongespräch ärztlich überwacht.

Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit Doctors for Choice durchgeführt und von pro familia Berlin ausdrücklich begrüßt.

Auf der Website betont das Familienplanungszentrum, dass dabei alle rechtlichen Gegebenheiten berücksichtigt werden.

Und so funktioniert das Ganze:

  • Kontaktaufnahme

Ungewollt Schwangere, die keinen Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch in der Praxis (weil sie in Quarantäne sind oder keine Praxis in ihrer Nähe ist) melden sich telefonisch beim Familienplanungszentrum.

  • Videotermin

Bei einem ersten Videotermin wird besprochen, ob eine telemedizinische Behandlung in jeweiligen Fall möglich ist. Bei diesem Termin wird auch der genaue Ablauf besprochen und alle weiteren Termine vereinbart.

  • Dokumentenversand

Die Schwangere lässt die benötigten Dokumente dem Familienzentrum zukommen. Benötigt werden:

  1. Eine Beratungsbescheinigung einer anerkannten Schwangerenberatungsstelle, die mindestens drei Tage alt ist. Auch diese Gespräche können per Telefon oder Videocall durchgeführt werden (zum Beispiel bei Pro Familia).
  2. Eine Überweisung des Frauenarztes
  3. Ein Ultraschallbild sowie eine Angabe des Schwangerschaftsalters à hier bekommen Schwangere einen Formbrief, der ausgefüllt werden muss.
  • Medikamentenzustellung

Sind alle Dokumente eingegangen, bekommt die Frau ein Paket mit den Tabletten sowie weitere Informationen.

  • Videotermin – Einnahme des ersten Medikaments

Bei einem zweiten Videotermin werden letzte Fragen geklärt. Außerdem wird bei diesem Termin die erste Pille eingenommen.

  • Zweite Medikamenteneinnahme

Zwei Tage später nimmt die Frau (unter Beisein einer anderen Person) das zweite Medikament, das die Blutung auslöst.

  • Videotermin

Etwa zehn Tage später findet der letzte Videotermin statt. Hierbei handelt es sich um eine Nachbesprechung. Im Paket ist ein Schwangerschaftstest enthalten, der zeigt, ob der Schwangerschaftsabbruch erfolgreich war.

Das Familienplanungszentrum bietet auch einen telefonischen Bereitschaftsdienst an, bei dem Frauen jederzeit anrufen können.

Die Kosten für den Schwangerschaftsabbruch muss die Schwangere übrigens selbst tragen. Es gibt aber auch Stellen, bei denen sie Hilfe bekommen.

Anlaufstelle für ungewollt Schwangere

Eine erste Anlaufstelle für ungewollt schwangere Frauen ist zum Beispiel das zentrale Hilfetelefon der Bundeskampagne „Schwanger und viele Fragen“. Das Hilfetelefon erreichst du rund um die Uhr kostenlos und anonym unter der Nummer 0800 40 40 020.

Kritik am häuslichen Schwangerschaftsabbruch

Der häusliche Schwangerschaftsabbruch wird schon länger diskutiert. Kritiker merken hier an, dass ein Embryo in der neunten SSW schon etwa 2,5 Zentimeter groß ist. Für Frauen könne es eine starke psychische Belastung sein, den Fruchtsack mit Inhalt in der Toilette liegen zu sehen – und dann alleine (bzw. ohne ärztliche Unterstützung zu sein).

Jedoch schreibt der DGGG:

„Mehrere Studien ließen den Patientinnen die Wahl zwischen der Prostaglandin (Cytotec®)- Einnahme zu Hause oder in der Einrichtung. Übereinstimmend zeigte sich, dass die meisten Frauen die Einnahme zu Hause bevorzugten und diese Entscheidung auch im Nachhinein für richtig hielten.“

Letztendlich sollte es immer die Wahl der Schwangeren bleiben, welchen Weg sie für einen möglichen Schwangerschaftsabbruch wählen kann und will. Ob im Krankenhaus oder zu Hause.

Quellen

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