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Meine Eierstöcke gehen dich einen Scheiß an!

Wann bekommt ihr denn ein Baby? Ihr seid doch schon so lange zusammen! Unsere Autorin Katharina hat sich ihre ehrliche Antwort verkniffen – und es bereut.

Stopp! Willst du diese Frage wirklich stellen?
Stopp! Willst du diese Frage wirklich stellen?
Unsplash / Isaiah Rustad

Ich, Mitte 30 zu Besuch bei den Nicht-Schwiegereltern. Nicht-Schwiegereltern deswegen, weil wir auch nach über zehn Jahren immer noch nicht verheiratet sind. Was regelmäßig den Familienklatsch befeuert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Warum habt ihr eigentlich immer noch keine Kinder?

Man sitzt am Kaffeetisch, mümmelt Kuchen und denkt an nichts Böses, da kommt die besagte Frage: „Warum habt ihr eigentlich immer noch keine Kinder?“ Jegliches Tischgespräch verstummt sofort. Alle Augen auf mich gerichtet. Und auf meinen Mann. Dann beginnt das Dilemma: Was ich am liebsten sagen würde, ist klar: „Das geht dich gar nix an!“ Doch ich bin so geschockt und bringe nicht den Mut auf, es wirklich auszusprechen. Denn ich will niemanden vor den Kopf stoßen oder einen Streit vom Zaun brechen.

Aber irgendwas muss ich sagen – die versammelte Runde starrt mich erwartungsvoll an. Ich sage lahm: „Aus Gründen.“ Sie starren weiter, denn das genügt ihnen nicht. Als ich weiter schweige, entsteht eine unangenehme Stille. Zehn Minuten wird es dauern, bis der „normale“ Kaffeetisch-Betrieb weitergeht.

Das ist allein unsere Sache!

Ich bin sauer auf mich selbst! Warum habe ich nicht gesagt, dass es allein meine beziehungsweise unsere Sache als Paar ist, ob und wann wir Nachwuchs bekommen. Dass es meine Privatsphäre verletzt und absolut unangemessen ist, solche Fragen zu stellen. Erst recht in dieser großen Runde.

Nachhilfe in Sachen Empathie

Man sollte von seiner eigenen Familie erwarten können, dass sie soviel Empathie besitzt, sich auch schwierige Gründe für unsere Kinderlosigkeit vorstellen zu können. Unfruchtbarkeit zum Beispiel. Vielleicht probieren wir es ja schon fünf Jahre und es klappt nicht. Sollte es dann nicht unsere Entscheidung sein, wann und wie wir darüber sprechen? Vielleicht hatte ich ja auch schon einige Fehlgeburten. Über die ich nicht zwischen zwei Happen Kuchen berichten will – als ginge es um unsere Urlaubsplanung.

Diese Gründe stecken nicht hinter meiner Kinderlosigkeit. Das ist auch nicht der Punkt. Das Wichtige ist vielmehr: Das Warum spielt keine Rolle. Und dass müssen Menschen lernen! Deswegen ärgere ich mich, dass ich wahrheitsgemäß geantwortet habe: „Wenn ich mit die/euch darüber sprechen will, dann lasse ich es dich/euch wissen.“ Runterschlucken und sich schlecht fühlen bringt nicht weiter – schon gar nicht den Empathie-Lernprozess“ der Verwandtschaft. Oder gar der Gesellschaft.

Genzen aufzeigen hilft allen

Denn jeder, der schweigt und den Überfall auf die eigene Schutzzone über sich ergehen lässt, nimmt dem anderen die Chance, das eigene Verhalten überhaupt wahrzunehmen. Und sich damit auseinander zu setzen, was unüberlegte Neugier mit dem Gegenüber anrichtet. Wie der/diejenige sich fühlt, wie man sich selbst fühlen würde. Empathie eben.

Je offener und direkter man damit umgeht, je mehr man zu sich selbst steht und auch Grenzen aufzeigt, desto besser. Denn im Ergebnis gewinnen alle. Davon bin ich fest überzeugt. Deswegen sage ich das nächste Mal ganz einfach: „Meine Eierstöcke gehen dich einen Scheiß an.“  Vielleicht formuliere ich es nur ein bisschen netter.