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Tabuthema Blasenschwäche: Kein Grund zur Scham

vonConnie Gräf-Adams | freie Autorin
Frau mit Blasenschwäche auf der Toilette
© Pexels/ Sora Shimazaki

Jede/r Zehnte in Deutschland leidet darunter, doch kaum einer spricht darüber. Die Rede ist von Harninkontinenz, auch bekannt als Blasenschwäche.

Nach Schätzungen der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V. werden nur rund 20 Prozent aller Betroffenen bei einem Arzt vorstellig und verschweigen das gesundheitliche Problem selbst in der Familie oder vor dem Partner.

Stattdessen ziehen sie sich aus Unsicherheit und Scham zunehmend zurück und nehmen kaum noch an sozialen Aktivitäten teil. Dabei ist eine Blasenschwäche in der Mehrzahl der Fälle gut und relativ einfach behandelbar.

Wer ist von Harninkontinenz betroffen?

Auch wenn Blasenschwäche landläufig gern als „Alte-Leute-Leiden“ abgetan wird, sind mitnichten nur Personen in einem hohen Lebensalter betroffen. Dabei leiden Frauen häufiger an ungewolltem Urinverlust als Männer.

In der Altersgruppe der 20- bis 30-jährigen beträgt der Anteil zumindest zeitweilig harninkontinenter Frauen Schätzungen zufolge rund 10 Prozent, bei den Frauen zwischen 40 und 50 Jahren ist jede Vierte betroffen, bei den über 80-jährigen fast jede Zweite.

Besonders häufig betroffen: Schwangere sowie Frauen mit Übergewicht oder einer schwachen Beckenbodenmuskulatur.

Ursachen & Symptome: Woher kommt Blasenschwäche und wie äußert sie sich?

Urologen unterscheiden im Wesentlichen zwei Arten der Harninkontinenz: Die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz. Je nach Krankheitsbild variieren Ursachen und Symptome.

Belasungs- oder Stressinkontinenz

Die häufigste Inkontinenzform bei Frauen ist die Belastungs- oder Stressinkontinenz. Dabei ist der Beckenboden derart geschwächt, dass er eine Druckerhöhung in der Harnblase nicht standhalten kann.

Bei einem solchen Druck, der beispielsweise durch starkes Husten, Niesen, körperlichen Belastungen aber auch heftiges Lachen entstehen kann, kommt es zu einem plötzlichen unkontrollierbaren Urinverlust.

Man teilt die Belastungsinkontinenz in drei Schweregrade ein:

  • Grad 1: Plötzlicher Harnabgang bei schweren körperlichen Belastungen. Dazu gehören schweres Heben, Springen und Hüpfen sowie Husten und Niesen.
  • Grad 2: Unfreiwilliger Urinverlust bei leichterer körperlicher Beanspruchung wie Gehen, Treppensteigen, Aufstehen und Hinsetzen.
  • Grad 3: Der Urinverlust erfolgt bereits in Ruhestellung ohne körperliche Anstrengung.

Zu den häufigsten Ursachen der Stressinkontinenz bei Frauen zählen

  • Schwangerschaften und vaginale Geburten
  • Bindegewebs- und Beckenbodenschwäche
  • Starkes Übergewicht und Fettleibigkeit
  • Schwere körperliche Arbeit

Eine Belastungsinkontinenz kann zudem infolge einer Absenkung der Organe im Bereich des kleinen Beckens, z.B. einer Gebärmuttersenkung, auftreten.

Dranginkontinenz

Die Dranginkontinenz äußert sich durch einen plötzlich einsetzenden, heftigen Harndrang. Dieser kann bereits bei einer geringen Blasenfüllung auftreten. Bei Betroffenen kommt es häufig schon zu einem Urinverlust, bevor sie die Toilette erreichen.

Eine Dranginkontinenz tritt zwar oft im Alter auf, kann aber auch eine Folge von Schwangerschaften und Geburten sowie Hormonumstellungen in den Wechseljahren sein. Als weitere Ursachen kommen Entzündungen der Harnwege, Blasen- und Gebärmuttersenkung sowie neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer oder Multiple Sklerose in Frage.

In zahlreichen Fällen leiden betroffene Frauen gleichzeitig unter Symptomen einer Belastungs- und einer Dranginkontinenz. Man spricht dann von Mischinkontinenz, die besonders häufig bei Frauen über 50 auftritt.

Nicht zu unterschätzen: Die seelischen Folgen von Inkontinenz

Blasenschwäche ist weit verbreitet, was den individuellen Leidensdruck betroffener Personen jedoch nicht schmälert.  Inkontinenz kann sich auf verschiedene Lebensbereiche ausdehnen. Nicht selten treten in der Folge Hautreizungen und Entzündungen im Intimbereich oder Harnwegsinfekte auf.

 

Scheidenflora aufbauen

Neben den körperlichen Problemen verursacht eine unbehandelte Blasenschwäche jedoch auch enorme seelische Belastungen. Aus Angst vor unangenehmen und peinlichen Situationen durch einen unfreiwilligen Harnverlust leiden Betroffene unter Minderwertigkeitsgefühlen und verzichten auf Unternehmungen mit Familie und Freunden. Der soziale Rückzug mündet häufig in Vereinsamung und psychischen Erkrankungen wie schweren Depressionen.

Therapie: Was kann man gegen Blasenschwäche tun?

Die Behandlung der Blasenschwäche hängt von der Art der Erkrankung und deren Ausprägung ab. Im Allgemeinen empfehlen Ärzte eine konservative Therapie, ein operativer Eingriff ist nur in seltenen Fällen notwendig.

Konservative Behandlung der Belastungsinkontinenz:

  • Bei einer Stressinkontinenz vom Schweregrad 1 und 2 werden gute Erfolge durch ein gezieltes Beckenbodentraining Es handelt sich dabei um einfache Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur, die zuhause oder im Gruppentraining ausgeführt werden. Entscheidend für die Wirksamkeit ist, dass die Gymnastik regelmäßig und über einen längeren Zeitraum absolviert wird.
  • Zusätzlich empfiehlt es sich bestimmte Umstände und Verhaltensweisen, die Harninkontinenz begünstigen können, zu ändern. Das kann das weitgehende Vermeiden schwerer körperlicher Arbeit sein oder die Behandlung eines chronischen Hustens. Auf harntreibende Getränke wie Kaffee, Schwarztee oder koffeinhaltige Limonaden sollte verzichtet werden. Um nächtlichen Harndrang zu reduzieren, hilft es abends nur noch wenig zu trinken. Für Frauen mit Übergewicht ist eine Gewichtsabnahme angeraten.

Therapie bei Dranginkontinenz

Liegen der Dranginkontinenz ein Harnwegsinfekt oder neurologische Erkrankungen zugrunde, müssen diese zunächst hinreichend behandelt werden.

Konservative Therapieansätze für die Dranginkontinenz selbst wie beispielsweise ein Blasentraining zielen darauf ab, die zeitlichen Abstände des Harndrangs zu vergrößern und das Füllvermögen der Harnblase zu verbessern.

Zur Linderung der Beschwerden kann auch die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur mithilfe von Elektrostimulation oder eine medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden.

Bei Frauen in den Wechseljahren kann der Arzt gegen beide Formen der Harninkontinenz eine Östrogentherapie verordnen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden, sondern um östrogenhaltige Salben zur lokalen Anwendung im Genitalbereich oder Tabletten zur oralen Einnahme.

Spezielle Hilfsmittel für Frauen mit Blasenschwäche

In Apotheken und Drogeriemärkten vor Ort und online bieten verschiedene Marken-Hersteller Hilfsmittel für Harninkontinenz an, die Betroffenen das Leben mit Blasenschwäche erleichtern können.

Es handelt sich dabei nicht um typische Slip-Einlagen und Damenbinden, wie sie bei der Periode verwendet werden, sondern um eigens entwickelte Einlagen aus hautfreundlichen Materialien, die den Urin schnell aufsaugen und vor unerwünschter Geruchsbildung schützen.

Die relativ dünnen Vorlagen oder Einweg-Slips in Unterwäsche-Optik sind in verschiedenen Stärken und Größen erhältlich, zusätzlich gibt es auch Produkte speziell für die Nacht.

Service: An wen kann ich mich bei Harninkontinenz wenden?

Betroffene Frauen sind oft unsicher, welche Anlaufstelle bei einer Blasenschwäche die richtige ist. Grundsätzlich kann man sich bei entsprechenden Beschwerden an den Hausarzt, Gynäkologen oder Urologen werden.

Quellen

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