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Tut mir leid, meine Gebärmutter ist wieder ins Gehirn gerutscht.

Wie bitte? Wer den Worten Antiker Philosophen und Medizinern Glauben schenkt, kann sich vorstellen, dass dieser Satz in den vergangenen Jahrhunderten so oder so ähnlich gefallen sein könnte. Was die antike Medizin den Frauen der vergangenen Jahrhunderte noch versucht hat anzudichten? Hier die Antwort.   

„Die Gebärmutter ist ein Tier das glühend nach Kindern verlangt“
„Die Gebärmutter ist ein Tier das glühend nach Kindern verlangt“
© libraryofcongress / Unsplash

Glühend verlangt es nach Kindern 

Früher war alles besser? Von wegen! Bei den Ansichten der großen Philosophen und Mediziner der letzten 2000 Jahre stellen sich die Nackenhaare auf. „Die Gebärmutter ist ein Tier das glühend nach Kindern verlangt“ – sagte einst der große Philosoph Platon. Konnten sich die Frauen des antiken Griechenlands mit solchen Aussagen identifizieren oder haben sie hinter vorgehaltener Hand die Augen verdreht? Wenn man da an sich und seine Gebärmutter denkt, glüht eher relativ wenig.   

Psychische Krankheiten – ein rein weibliches Problem

Dass der Zyklus Einfluss auf die weibliche Gefühlswelt nimmt, ist nichts Neues. Laut Frauenärzte-im-Netz klagen Dreiviertel aller gebärfähigen Frauen über prämenstruelle Beschwerden, 25 Prozent davon über PMS. Aber vor psychischen Verstimmungen und Krankheiten ist keiner geweiht. In Deutschland erkranken im Laufe eines Jahres 5,3 Millionen Männer und Frauen an einer Depression.  Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert sah die Medizin diesen Sachverhalt aber anders. Psychische Krankheiten waren ein rein weibliches Problem. Der Grund dafür lässt sich erahnen.

Die beißende Gebärmutter – Grund allen Übels 

Vielleicht litten die Frauen der großen Philosophen und Mediziner ebenfalls an PMS? Das würde ihre Aussagen ein Stück weit erklären. Hippokrates, Paracelsus, Galenos und sogar Leonardo da Vinci gingen davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen gefüttert werde, im Körper suchend umherschweife. Auf ihrer Suche nach frischen Samen könne es dann auch mal passieren, dass sie im Herzen lande. Wenn sie dann immer noch nicht fündig werde, so würde sich in Ermangelung des so nötigen Samens sogar im Gehirn festbeißenDass sich das teuflische Organ über den Denkapparat der Frau hermache, lasse sich dann auch an plausiblen Symptomen festmachen: 

  • Egozentrik 
  • Geltungssucht 
  • Labilität 

Jetzt brauchte das Kind nur noch einen Namen und da bediente man sich einfach am Naheliegenden. Das altgriechische Wort für Gebärmutter lautet hystéra“- die Hysterie war geboren. 

Die Damen der antiken Herren müssen ihnen übel mitgespielt haben. Wenn sich das Eheweib zu damaliger Zeit so schlimm aufgeführt haben muss, dass die einzig plausible Erklärung eine im Gehirn festgebissene Gebärmutter ist, kann man die armen Denker nur bemitleiden.   

Wahrscheinlich saßen sie am Abend zusammen und klagten sich gegenseitig ihr Leid. „Gestern brachte ich Olympia Trauben. Als sie das Obst sah, warf sie mir vor ich würde sie mästen wollen und bewarf mich mit ihnen“, „Ach mach dir nichts daraus, da ist die Gebärmutter Mal wieder ins Gehirn gerutscht.“  

Hysterie – die häufigste Krankheit bei Frauen

Die Hysterie war bis zum 20Jahrhundert Bestandteil der Medizin. Und ähnlich wie der Gebärmutter biss sich der Begriff im gesellschaftlichen Gehirn nahezu fest. Sobald eine Frau ihren sozialen Pflichten nicht nachkam oder sich weigerte, ihre Aufgaben als Ehefrau und Mutter zu erledigen, wiesen einige pflichtbewusste Ehemänner ihre Frauen in Nervenheilanstalten ein. So ist es nicht verwunderlich, dass die Hysterie damals als eine der häufigsten weiblichen Krankheiten war. Als Hauptsymptome der Hysterie galten unter anderem Freiheitsdrang bzw. das NichtEinhalten von Grenzen, distanziertes Verhalten zu sich selbst und anderen, innere Leere, Gefühllosigkeit und Selbstbezogenheit mit übertriebenem und wechselhaftem Verhalten. 

Heirat als Therapieform 

Eine beliebte „Heilungsmethode“ war die Heirat. Denn wenn Frauen verheiratet wurden, lag es nahe, dass sie von ihren Männern begattet wurden. Aus medizinischer Sicht die einzige Möglichkeit, eine umherwandernde Gebärmutter zufrieden zu stellen und der Hysterie keine Chance zu geben. Wissenschaftler stellten zu damaliger Zeit nämlich fest, dass Jungfrauen von der psychischen Krankheit nicht betroffen wären.  

Heilung durch Masturbation 

Sollten die Frauen trotz Heirat hysterisch werden, standen die Mediziner vor einem Rätsel. Vielleicht war der Ehemann nicht in der Lage, mit dem glühenden Uterus umzugehen? Oder war er in diesem Falle besonders gierig? Um die armen, hysterischen Frauen zu heilen, wurde eine neue Heilungsmethode entwickelt: die Masturbation. 

Dazu muss man wissen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die Klitoris nicht zum Sexualorgan der Frau. Die Schulmedizin ging davon aus, dass Frauen (wenn überhaupt) nur durch Penetration sexuelle Lust empfinden könnten. Daher galt die Stimulation der Klitoris nicht als Selbstbefriedigung, sondern diente der Linderung von Symptomen der Hysterie.  

Der britische Arzt Havelock Ellis schrieb 1913dass schätzungsweise 75 Prozent der Frauen unter Hysterie litten. Das einzig wirksame Heilmittel sei die Massage der Beckenregion. Diese Behandlungen wurden damals von Ärzten wie auch von Hebammen durchgeführt. Fühlte sich die Frau nach erfolgreicher Therapie belebt und glücklich, sprach man nicht etwa von einem Orgasmus, sondern von „hysterischen Paroxysmus“. Wie jede Frau weiß, hält der Zustand der Zufriedenheit danach nicht ewig an, weshalb hysterische Frauen sehr regelmäßig zur Behandlung erschienen. 

Diese Therapieform auf Dauer händisch durchzuführen war langfristig sehr ermüdend, so wurden mechanische Hilfsmittel entwickelt. Unter ärztlicher Aufsicht wurden Hysterikerinnen mit Hilfe eines Feuerwehrschlauches behandelt. Eine langfristige Möglichkeit wurde dann Ende der 1860er Jahre entwickelt – der Vibrator.  

Unbewusste, seelische Konflikte führen zur Hysterie  

In der heutigen Medizin wird der Begriff Hysterie zum Glück nicht mehr verwendet. Die Aussagen der antiken Medizin sind einfach zu negativ behaftet – und im Hinblick auf den weiblichen Körper einfach falsch. Eigenschaften der Hysterie als solcher findet man heute in dem psychischen Krankheitsbild der dissoziativen Störung wieder.  

Bis es zum Verschwinden der Hysterie kam, nahmen sich aber noch einige Neurologen, Psychiater und Psychologen dem Thema an. Die Existenzanalyse, eine Art der psychotherapeutischen Behandlung, geht davon aus, dass die Hysterie aufgrund von einer Störung des Selbstwerts ausgelöst wird. Beispielsweise durch Druck, Mobbing oder Verletzung der Privatsphäre 

Menstruation – ein rotes Tuch 

Die Gebärmutter war also schuld an allem. Logisch, dass auch die Menstruation damals mit anderen Augen betrachtet wurde. Es kursierten Gerüchte über giftiges Menstruationsblut oder Abszesse aufgrund von nicht abgeflossenem Menstruationsblut.

Quellen