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Frauen gegen Frauen – warum wir uns die schlimmsten Feinde sind

Ob Stutenbissigkeit oder Zickenkrieg, für Konkurrenzkampf unter Frauen gibt es viele Begriffe – aber wenig Lösungsansätze. Wie können wir lernen uns gegenseitig zu unterstützen und nicht auszustechen?

© Unsplash / Ümit Yıldırım

Anstatt Unterstützung die Devise: Wie können wir uns übertrumpfen?

Jedes Mal, wenn ich Kontakt zu meiner langjährige Freundin Alexa habe, ist er wieder da: der Konkurrenzkampf. Ich sehe auf Instagram Fotos von ihr im Fitnessstudio oder in einem großartigen Kleid, das ihrer Figur schmeichelt – zack da kommen die Gedanken. „Du solltest auch wieder Sport machen, nicht dass sie eine bessere Figur hat als du“, sage ich mir selbst und überlege mir, wie ich Fitnessstudio und Arbeit diese Woche unter einen Hut bekommen kann.

In unseren Jugendjahren waren wir unzertrennlich, die klassischen besten Freundinnen. Wir teilten Geheimnisse, Ängste, Klamotten, Musik und unsere Leidenschaft für Fotografie. Doch wir waren auch Konkurrenz: Wer sieht besser aus, wer hat mehr Verabredungen oder wer hat den besseren Witz gerissen. Anstatt Unterstützung galt die Devise: Wie können wir uns übertrumpfen.

Auf der einen Seite gar nicht so schlecht. Durch das Bedürfnis, besser als meine beste Freundin zu sein, forderte ich mich selbst heraus und ich kam schneller zu Ergebnissen. Auf der anderen Seite fühlt es sich so an, als würde ich mich selbst betrügen. Denn: will ich so ein Mensch sein? Kann ich mich als eine gute Freundin bezeichnen, wo ich doch der anderen keine Erfolge gönnen kann?

Je ähnlicher die Freundin, desto größer der Kampf

Wenn ich an meine anderen Frauenfreundschaften denke, ist der Konkurrenzkampf nirgendwo so stark wie bei Alexa. Allerdings fällt mir beim Nachgrübeln auf, dass ich durchaus anfange mich zu messen, wenn ich Ähnlichkeiten zwischen mir und einer anderen Frau sehe. Zum Beispiel wenn wir beide den gleichen Beruf ausüben, denselben Yoga Kurs besuchen oder einen ähnlichen Kleidungsstil haben. In diesen Momenten habe ich immer das Bedürfnis besser zu sein bzw. die bessere Version von uns beiden.

Wenige Gemeinsamkeiten schützen meine Freundschaften also vor meiner inneren, erfolgsgeilen Kampfsau. Da sehe ich mich selbst nun vor die Wahl gestellt: Freundschaften kippen, wo es zu viele gemeinsame Interessen gibt. Oder an mir arbeiten.

Ich entscheide mich für Letzteres, zum Glück. Ich bin also noch nicht völlig zerfressen vom ständigen Konkurrenzkampf. Um mich und meine Freundschaften zu bewahren braucht es dringend eine Lösung! Das muss doch möglich sein – schließlich funktioniert das bei unseren männlichen Kollegen meist ziemlich gut.

Ein gutes Beispiel ist das kollegiale Verhalten unter Gleichgeschlechtlichen. Männliche Vorgesetzte nehmen den männlichen Unternehmenszuwachs gerne unter ihre Fittiche, unterstützen, laden auf ein Feierabendbier ein. Bei Frauen habe ich das oft andersherum erlebt: Weibliche Kollegen sehen in der neuen Mitarbeiterin öfter Konkurrenz als ein neues Teammitglied.

Aber warum ist das so?

Die Psychologin Mechthild Erpenbeck schreibt in einem Artikel über Frauen und Konkurrenz, dass Frauen im Konflikt stärker an Beziehung orientiert und durch emotionale Bindungen geleitet werden. Sieg oder Niederlage werden mehr auf die Gesamtpersönlichkeit als auf den Konfliktinhalt bezogen. Eine Niederlage kann schlimmstenfalls als persönliche Vernichtung und Ausschluss aus der schützenden Gemeinschaft erlebt werden. Konflikte werden dementsprechend bei Eskalationsgefahr eher verdeckt. Ein offener Ausbruch bedeutet unbewusst existenzielle Gefahr.

Männer hingegen neigen in Konfliktsituationen zu einem Kampf, indem ein Oben und Unten ausgefochten wird. Da sie diesen Kampf aber als Aushandlung von formalen Rollen erleben, sind Sieg oder Niederlage Ergebnisse, von denen man sich persönlich distanzieren kann. Eine Niederlage ist dann ein vorübergehendes Stadium der Unterwerfung, das jederzeit wieder veränderbar ist. Periodische Rangkämpfe gehören zum Leben.

Fest steht also, Frauen kämpfen gefühlsbetonter. Ist der Grund des Kampfes dann vielleicht auch ein emotionaler? Wenn ich an mich und meine Erfahrungen an Konkurrenz gegenüber Frauen denke, haben sie zu 95 Prozent immer etwas mit meiner Gefühlswelt zu tun. Meistens geht es dann nämlich nicht um Recht und Unrecht, sondern darum wer besser im „Frau sein“ ist.

Was macht die bessere Frau aus?

  • Job? Ja aber bitte erfolgreich.
  • Heirat? Nicht unbedingt notwendig, aber bitte einen Partner. Mit dem dann eine liebevolle und sexuell erfüllende Partnerschaft führen.
  • Kinder? Wünschenswert und nicht vergessen: Pädagogisch wertvolle Erziehung muss sein.
  • Sozialleben? Auf jeden Fall!
  • Aussehen? Nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn, Hauptsache #healthylifestyle
  • Kleidungsstil? Weiblich, nicht zu brav, aber auch nicht zu freizügig

Wenn eine Frau in mein Leben tritt – egal ob Job oder privat – die der Inbegriff von perfekt ist, kommt die Kampfsau in mir zum Vorschein. Denn diese Frau hat scheinbar alles, was ich nicht habe. Und das will das auch, und zwar sofort, ja sogar noch besser.

Lasse ich die Freundschaft zu Alexa einmal Revue passieren, wird mir klar, dass auch ich sie als die bessere Frau empfand. Für mich war sie immer dünner, schöner und beliebter. Jedes Mal, wenn wir uns trafen, sah ich nicht sie, sondern mich. Mit all meinen Fehlern.

Als Frau im 21. Jahrhundert möchte ich aber nicht unperfekt sein, obwohl mir die Gesellschaft immer wieder versucht zu sagen, dass ich das darf – Stichwort body Positivity. Ich kann es aber einfach nur schwer ertragen, wenn mein Gegenüber wunderschön und makellos erscheint und ich mich hingegen wie ein Kartoffelsack fühle – ein bisschen dreckig und formlos. Das macht mich rasend, also kämpfe ich dagegen an.

Da stellt sich mir die Frage: “Kämpfe ich deswegen auch gegen andere, um mich nicht mit meinen eigenen Problemen auseinander zu setzen?”.

Liegt der Kern des Konkurrenzkampfes unter Frauen also an mangelnder Selbstliebe?

In einem Interview mit dem Business Insider spricht der Psychologe und Autor Michael Lehofer über Selbstliebe. „Selbstliebe heißt nicht, dass man sich nur um sich selbst dreht. Ganz im Gegenteil. Die meisten unserer Beziehungen scheitern eben, weil wir uns nicht genug selbst lieben“. […] „Liebe macht ruhig, weil sie Sicherheit gibt. Also wenn ich mich selbst liebe, dann gebe ich mir selbst Sicherheit und werde ruhiger. Davon profitiere nicht nur ich selbst, sondern alle um mich.“

Wer mit sich selbst ein Problem hat, wird das also über Kurz oder Lang auf andere projizieren, ganz unabhängig vom Geschlecht. Wenn ich das Ganze jetzt auch mich beziehe, bedeutet das also, dass meine eigene Selbstliebe zu mehr Selbstverständnis führt und ich so weniger bis gar nicht mehr in Konkurrenzwahnsinn verfalle?

Ist Selbstliebe die Lösung für alles?

Ich glaube nicht, dass Selbstliebe der Schlüssel für alle Probleme ist – und auch nicht für jeden Konkurrenzkampf. Aber vielleicht kann die Selbstliebe helfen, die innere Kampfsau zu zähmen. Etwa wenn Alexa wieder im Fitnessstudio war oder die Dame neben mir schneller und besser in die Yoga Pose kommt. Dann nicht mit Wut reagieren, sondern einfach mal durch atmen, meinem Gegenüber das Beste wünschen und meinem eigenen Spiegelbild ein anerkennendes Lächeln zu schenken.

Wir Frauen sollen kämpfen, für Chancengleichheit, gleiche Bezahlung und für alles was uns wichtig ist. Aber besser nicht gegen uns selbst.

Quellen