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Meine Beschäftigung als Freizeitbäuerin half mir durch 2020

Ich arbeite seit 2019 in einem Bauernfeld-Kollektiv, in dem man das eigene Gemüse anbaut, pflegt und erntet. Was ich ursprünglich aus Neugier anfing, ist zur wichtigen Lebenserfahrung geworden.

Unsere Autorin beim Möhren ernten.
Unsere Autorin beim Möhren ernten.
Foto: privat

In den USA – wo ich herkomme – ist das nicht außergewöhnlich. Aber in Deutschland ist es noch seltsam: Statt Personal anzustellen, öffnet ein Ökobauer sein Feld für alle, die Interesse an der Landwirtschaft haben. Damit sie lernen können, wie man das eigene Essen anbaut.

Diese „Freizeitbauern“ helfen auf dem Feld und bekommen dafür einen Anteil der Ernte. Normalerweise zahlt man auch einen kleinen Beitrag. In den USA nennt man so ein Arrangement „farm share,“. Das bedeutet:

  1. Ich übernehme einen Teil der Arbeit
  2. Der Bauer überlässt mir einen Teil der Ernte

So war Farm Share vor Corona

 2019 gab es folgendes Konzept bei meinem Farm Share: Einmal in der Woche erscheint man für eine Arbeitseinheit, die in der Gruppe erledigt wird. Die Gruppeneinteilung übernimmt der Bauern.

Im Frühling hieß das pflanzen und pflegen; im Sommer mehr Pflege und Erntebeginn; im Herbst und Frühwinter hauptsächlich ernten und das Feld für die neue Saison vorbereiten.

Und wie ist Farm Share mit Corona?

2020 musst das Konzept geändert werden: Aufgrund des Coronavirus durften wir nicht mehr nebeneinander arbeiten. Jeder Teilnehmer bekam also seine eigene Parzelle – ungefähr 40 Quadratmeter – und durfte sie so gestalten, wie er mochte.

Größere Freiheit bedeutet aber auch viel mehr Verantwortung. Wie ein Farmkollege zu mir sagte: „Vorher waren wir nur als Touristen mit einem Reisebus da. Jetzt müssen wir den Bus selber fahren.“

„Hausarbeit im Freien“ oder Wissen, das langsam verloren geht?

Als ich meinem Mann sagte, dass ich auf einem Bauernfeld arbeiten wollte, war seine einzige Frage „Warum?“ Hatten wir nicht genügend zu Hause zu tun – mit Haushalt und Kindern? Lebensmittel kann man doch im Supermarkt kaufen – gute Bio-Lebensmittel – also wieso meine Freizeit mit Landwirtschaft verbringen?

Aber ich verstehe die Feldarbeit nicht als „Hausarbeit“. Das ist eben viel interessanter als z.B. Staubsaugen oder Wäsche waschen:

  • Ich lerne, wie man seine eigene Nahrung produzieren kann.
  • Ich verstehe langsam, wie das Wetter und die Jahreszeiten die Pflanzen und auch uns Menschen beeinflussen.
  • Ich lerne wie wichtig es ist, dass Mensch und Natur in Balance stehen, und wie sehr wir von einer gesunden Erde abhängen.

Respekt vor unserem Essen und Verständnis für die natürlichen Zyklen gehen in modernen Zeiten verloren, und genau die zwei Dinge wollte ich wieder reaktivieren.

Gartenarbeit ist Balsam für Körper und Seele

 Man gewinnt aber nicht nur Kopfsalat und Dreck unter den Fingernägeln. Vor allem in diesem Jahr habe ich die Gartenarbeit richtig zu schätzen gelernt, weil die Zeit an der frischen Luft und eine tiefere Verbindung zur Natur erholsam und Stress abbauend ist.

Ab Mitte März waren wir im „Lockdown“ und die Zukunft sah ziemlich unsicher aus. Ab April durften wir zu bestimmten Zeiten aufs Feld – und genau das war wie ein Ausweg aus der ganzen verrückten Pandemie-Geschichte: Wind, Licht, Erde, lebende Wesen, die einem nicht infizieren konnten! Ich durfte mich um diese Wesen kümmern. Wenn ich es richtig gemacht habe, werden sie mich und meine Familie später ernähren.

Foto:privat

Die Landwirtschaft und die Gartenarbeit geben eine gewisse Sicherheit. Auch wenn das Wetter und die Temperaturen unvorhersehbar sind, so folgt die Natur doch immer den gleichen Zyklen. Wenn man gute Erde, Wasser und Sonnenlicht hat, werden kleine Pflanzen groß. Als ich meine Karotten in einer ordentlichen Reihe säte, freute ich mich schon auf ihre fransigen grünen Haare, die ich bestimmt bald sehen würde.

Die Verbindung zur Natur gehört zur Menschlichkeit

Man braucht jetzt mehr denn je ein Gefühl, dass man einen Platz in der Welt hat. Dass man nicht nur an sich selbst denkt, sondern etwas Positives für den Planeten und vielleicht sogar das Universum tut.

Einen Garten pflegen scheint eine Kleinigkeit zu sein, aber dieser Schein trügt meiner Meinung nach. Meine Theorie ist viel eher: Wenn wir auf diese Weise lernen, die Natur besser zu verstehen und zu respektieren – dann können wir auch Verständnis und Respekt viel leichter an unsere Mitmenschen weitergeben.

We are all – und damit meine ich alle lebenden Wesen auf dieser Erde – in this together.

riesige karotten

Foto: privat

Einige der Karotten sind absolut riesig geworden und als ich sie geerntet habe, war da  ein Schuss Mutterstolz. Meine Zucchini werden auch so gigantisch, dass ich sie unbedingt an Familie und Freunde verschenken muss.

Das stolze und glückliche Gefühl, mein Gemüse vom Eigenbau mit anderen zu teilen? Das ist eins der besten Gefühle des gesamten Jahres 2020.