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Strukturell ist Gleichberechtigung leider immer noch ein Witz

Im letzten Jahrhundert hat sich strukturell viel für uns Frauen getan: Wir dürfen wählen, uns bilden, unser Job kann nicht mehr vom Ehemann gekündigt werden und uns zu schlagen ist mittlerweile selbst in der Ehe strafbar. Sind wir deshalb jetzt gleichberechtigt und verwirklichen uns frei?

Sind wir wirklich gleichberechtigt?
Sind wir wirklich gleichberechtigt?
© Unsplash/ Miguel Bruna

Als es mit Sohn 1 in der Schule nicht ganz rund lief, fragte mich seine Lehrerin, ob das denn funktionieren würde so mit vier Kindern und ich arbeite wieder. Offensichtlich gab es für sie einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Schulproblemen meines Sohnes und meiner Arbeit. Ein Lehrer hätte mich das wahrscheinlich nicht gefragt. Solidarität unter Frauen ist meiner Erfahrung nach nicht so weitverbreitet. Wir verletzen und begrenzen uns lieber gegenseitig als uns zu ermutigen.

Mein Mann wurde übrigens weder vom pädagogischen Personal noch von seinem Arbeitgeber je gefragt, ob sich sein Job gut mit unserer Familienplanung vereinbaren ließe. Jobwechsel in der Babyzeit des zweiten Kindes, Bewerbungsverfahren mit drei Kindern und nie wurde seine Verantwortung als Vater thematisiert. Für den Alltag, das Wachsen und Gedeihen der Kinder sind wir Frauen zuständig – der Mann finanziert den Rahmen.

Wer von Vereinbarkeit spricht, lügt sich in die Tasche

Es sind nicht nur Frauen vom aktuellen Zustand benachteiligt. Die klassische Erwerbsbiografie ist nach wie vor ein Konstrukt von weißen Männern, die nicht eingebunden in ihr Familienleben sind. Klar haben Männer den biologischen Vorteil, dass sie nach dem Erreichen ihrer beruflichen Ziele mit 50 oder 60 Jahren Vater werden können. Aber das muss man schon wollen.

Die deutsche Arbeitswelt ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen familienunfreundlich, möchten sie ein bisschen mehr als Schlafrituale und Morgenfläschchen erleben. Wer von Vereinbarkeit spricht, lügt sich in die Tasche. Wer mehr von seinen Kindern mitbekommen möchte, braucht einen zeitlich flexibleren Beruf, geringen Schlafbedarf oder verzichtet auf Einkommen. Arbeit und Familie wird durch einen Spagat der Einzelnen vereinbart und nicht durch entsprechende Strukturen. Strukturell sind wir von Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf meilenweit entfernt. Unsere Arbeitswelt ist nicht familienfreundlich und in der Regel machen die Frauen bis heute einkommens- und karrieretechnisch die Abstriche. Neben der äußeren Struktur gibt es die Normen in den Köpfen, die ebenso wenig helfen.

Wer abweicht, witzelt

Hausarbeit verschwindet leider nicht deshalb, weil beide Erwachsene arbeiten. Sie ist aber auch nicht per se Aufgabe der Frau. Sowenig wie Pflege der sozialen Kontakte, Kommunikation, Organisation von Feiern und so weiter und so fort. Wer als Frau darauf Lust hat, super. Wer als Mann darauf Lust hat, genauso prima. So einfach ist das nur gar nicht. Ob ältere Verwandtschaft, Bekannte, Freunde, Nachbarn – uns begegnen jeden Tag viele starre Bilder. Bei uns war allen – bis auf mir selbst – klar, dass ich ab der Hochzeit für alle Karten, Anrufe und so weiter direkt oder für das Engagement meines Mannes in dem Bereich zuständig bin. Ich sehe das nicht so. Ich bin nicht für den Kontakt mit der Familienseite meines Mannes zuständig. Das Befreien von Bildern und unausgesprochenen Erwartungshaltungen kostet allerdings Kraft.

Weichen wir von der Norm ab, läuft unsere innere PR-Abteilung zu Hochleistungen auf. Eine Freundin betonte ab dem Mutterwerden immer, dass sie Essen hervorragend bestellen könnte. Vorher waren ihre Kochkünste nie Thema. Ich betone vor jedem neuen Gast in unserem Haus, dass ich eine leidenschaftslose Hausfrau bin. Dabei bin ich gar keine Hausfrau und habe durchaus eine leidenschaftliche Haltung beim Haushalt: Lebe ich nicht alleine, bin ich nicht alleine zuständig.

Die Entscheidungen der anderen

Sage ich irgendwo, dass ich vier Kinder habe, ist klar, dass sich meine gesamte Welt um meine Kinder dreht. Zudem rechtfertigen sich viele, warum sie entweder nie so viele Kinder wollten oder warum es bei ihnen bei weniger Kindern geblieben ist – ein seltsamer Reflex.

Wenn uns andere etwas aus ihrem Leben erzählen, überprüfen wir oft, wie wir dazu stehen. Wir bewerten die Entscheidung nach unserem Gusto in richtig oder falsch. Dabei wenden wir unsere Erfahrungen an, die von denen der anderen Person abweichen.

Die Entscheidungen anderer Menschen sind genau das: Die Entscheidungen anderer Menschen. Sie sagen weder etwas über uns aus noch rücken sie unseren Lebensweg in ein anderes Licht. Sie sind kein Angriff auf uns und unsere Persönlichkeit, sondern sind ein Ausdruck der Persönlichkeit des Gegenübers. Wer gegen andere Lebensentwürfe kämpft, erinnert etwas an die prinzipientreue Prusseliese. Sie möchte Pippi nicht ins Kinderheim stecken, weil es dem Kind schlecht ginge. Pippi soll bitte ins Heim, damit die Welt der Prusseliese wohlgeordnet bleibt.

Genormte Lebenswege

Vor einigen Generationen gab es einen klaren Lebensweg für die meisten Menschen direkt ab der Geburt. Wer davon abwich, bog auf dem geraden Weg falsch ab und traf damit eine falsche Entscheidung. Wir haben uns in unseren Lebensläufen von diesen Normen wegentwickelt, nicht aber in unserem Denken. Normen geben uns Sicherheit. Wir sortieren Menschen in Gruppen, weil uns das den Alltag erleichtert. Langfristig beschränken uns diese Normen und Schubladen jedoch. Sie lassen uns die sicheren Entscheidungen treffen, die uns möglicherweise den Umweg verbieten, der uns neue Seiten an uns gezeigt und uns Vertrauen in uns geschenkt hätte. Für wen Sicherheit Priorität hat, findet so Lebenszufriedenheit. Der andere findet nur Frust. Sein kritischer Blick auf andere dient dazu, die eigenen Entscheidungen durch das Abwerten von „freieren“ Lebenswegen zu bestätigen.

Sei Pippi und nicht Prusseliese

Emanzipation ist nicht auf ein Geschlecht beschränkt. Ursprünglich bezeichnete der Begriff das Entwachsen des Sohnes aus der väterlichen Gewalt. Heute meint es vielleicht das Entwachsen aus der normativen Gewalt. Emanzipation könnte uns allen mehr Freiheit, Lebensfreude und Toleranz schenken. Wer sich selber mehr erlaubt, ist bei anderen großzügiger. Deswegen beginnt Emanzipation bei jedem einzelnen. Wer für sich ohne Angst ehrliche Entscheidungen trifft, fühlt sich von den Entscheidungen anderer nicht bedroht. Pippi Langstrumpf versucht nie, Prusseliese zu bekehren. Es ist ihr ganz egal, wie die ihr Leben lebt. Pippi lebt einfach das Ihre.