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Präsentismus: Wenn Frauen krank zur Arbeit gehen

Zwei Drittel der Beschäftigten lassen sich laut Studien-Ergebnissen trotz gesundheitlicher Probleme nicht krankschreiben oder gehen sogar entgegen der ausdrücklichen Empfehlung des Arztes zur Arbeit. Dabei sind es vor allem Frauen, die sich krank zur Arbeit schleppen.

Wenn Frauen krank zur Arbeit gehen
Wenn Frauen krank zur Arbeit gehen
© Bigstock/ Mangostar

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Schon beim ersten Augenaufschlag wird klar, dass man heute nicht fit ist: Der Kopf dröhnt, die Nase ist dicht und es kratzt im Hals. Ein Infekt ist im Anmarsch und eigentlich wäre Bettruhe angesagt. Aber heute steht ein wichtiges Meeting an, der Kunde wartet auf ein Angebot und die Kollegen brauchen dringend meine Unterstützung. Also doch aufstehen und bewaffnet mit Hustentee, Lutschpastillen und einem Doppelpack Taschentüchern ab ins Büro.

Präsentismus nennt sich dieses Phänomen trotz gesundheitlicher Beschwerden in die Arbeit zu gehen – und es ist weit verbreitet: Zwei Drittel der deutschen Arbeitnehmer sind laut DGB-Index Gute Arbeit im Jahr 2019 zur Arbeit gegangen, obwohl sie sich richtig krank gefühlt haben. Dabei sind es mehr Frauen als Männer, die trotz Krankheit arbeiten – sogar bis zu 15 Arbeitstage pro Jahr.


Frauen haben Angst um ihren Job

Gründe dafür gibt es viele: Deutlich mehr Frauen als Männer befürchten bei zu häufigen Krankmeldungen berufliche Nachteile oder möchten die Kollegen im Team nicht mit Mehrarbeit belasten. Hoch ist auch der Anteil an Müttern, die krank zur Arbeit gehen: Wer beispielsweise wegen eines erkälteten Kindes zu Hause geblieben war und sich selbst angesteckt hat, will die Fehlzeiten nicht weiter verlängern und quält sich stattdessen krank ins Büro.

Auch wenn so mancher Werbespot suggeriert, dass man nur die geeignete Notfallmedizin einwerfen muss und ruckzuck wieder fit und leistungsfähig ist: Gesundheitliche Probleme auf die leichte Schulter zu nehmen, ist nicht die richtige Entscheidung. Wer sich keine Auszeit gönnt und Krankheiten verschleppt, riskiert die Gefahr schwerwiegender Folgeerkrankungen, die zu einem deutlich längeren Ausfall führen. Nicht selten führt mentale Erschöpfung zu einem schweren Burnout und die „harmlose“ Erkältung entwickelt sich zu einer gefährlichen Lungenentzündung. Nicht zu vergessen die Ansteckungsgefahr für Kollegen und Kunden, der spätestens seit dem Ausbreiten des Coronavirus in Firmen ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Präsentismus: Negative Folgen für den Arbeitgeber

Einige Unternehmen belohnen sogar Mitarbeiter ohne Fehltage mit Sachprämien oder finanziellen Bonusleistungen. Erwiesen ist jedoch, dass Präsentismus einen größeren Kostenfaktor für Unternehmen und die Gesellschaft darstellt als krankheitsbedingte Ausfälle.

Migräne und Kopfschmerzen führen – gefolgt von Atemwegserkrankungen und Depressionen – die Liste von Krankheiten an, die Mitarbeiter in ihrer Leistungsfähigkeit einschränken und die Produktivität erheblich senken können. Gleichzeitig steigt die Zahl der Unfälle am Arbeitsplatz und wir verursachen mehr Fehler als im gesunden Zustand. Was ursprünglich also gut gemeint war, kann sich schnell als Fehlentscheidung entpuppen.

Niemand ist unersetzlich

Wie hoch das Arbeitsaufkommen auch sein mag oder wie eilig ein Abgabetermin – wer krank ist, sollte auf seinen Körper hören und sich die notwendige Ruhe gönnen.

Wir neigen zwar häufig dazu, uns als unabkömmlich einzuschätzen, viele Aufgaben lassen sich jedoch neu priorisieren oder anders verteilen. Dabei stellt sich häufig heraus, dass es gar keinen Grund für das schlechte Gewissen gegenüber den Kollegen gibt, die sogar gerne einspringen und sich freuen, Unterstützung zu leisten. Das fördert den Zusammenhalt im Team und offenbart im Idealfall sogar ungeahnte Talente.

Selbstfürsorge statt Präsentismus

Krankheit ist keine persönliche Schwäche, vielmehr handelt es sich in den meisten Fällen um einen Weckruf des Körpers, auf das persönliche Wohlbefinden stärker zu achten. Selbstfürsorge ist nicht gleichbedeutend mit Egoismus. Die eigenen Bedürfnisse und Grenzen der Belastbarkeit zu kennen, erhält stattdessen die eigene Gesundheit und somit auch die Leistungsfähigkeit. Davon profitiert man nicht nur selbst, sondern auch die Kollegen und der Arbeitgeber.

Gesundheitliche Warnsignale sollte man grundsätzlich ernst nehmen. Während bei einer Infektion eine mehrtägige Pause zum Auskurieren hilft, gilt es bei anderen Anzeichen die Ursachen zu ergründen. Trinke ich während der Arbeitszeit ausreichend, ernähre ich mich gesund und gönne mir ausreichend Pausen? Kann eine falsche Arbeitshaltung die Ursache für Nackenverspannungen und Rückenschmerzen sein?

Halten die Beschwerden länger an oder lassen sich durch eine Umstellung der Gewohnheiten nicht in den Griff kriegen, sollte man einen Arzt konsultieren. Und das nicht nur bei körperlichen Symptomen. Auch psychische Probleme und deren Auswirkungen stellen eine enorme Belastung dar und sollten keineswegs unter den Tisch gekehrt werden.

Quellen