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Slow Sex – wie funktioniert der achtsame Sex?

vonJulia Pollich

Slow Sex: nur ein Trend oder wirklich zukunftstauglich? Wie sieht der langsame Sex aus und was bewirkt er? All das und viel mehr erfährst du hier im Interview.

vonJulia Pollich
© Pexels/ Pixabay

Unser Leben heute: Stressig und schnelllebig und irgendwo dazwischen kommt auch noch der Sex. Kommt dir das bekannt vor? Eine Alternative bietet eine andere Art der Intimität – der Slow Sex. Geschlechtsverkehr ganz ohne Stress und Orgasmus-Druck. Er soll ein Bewusstsein für die Intimität mit dem Partner schaffen und die Beziehung signifikant stärken.

Dass hinter dem Wort Slow Sex so viel mehr steckt als einfach nur der “langsame Sex”, erzählt uns Moraya Kraft, eine Gesundheitspraktikerin für Sexualkultur, im Interview:

Ist Slow Sex einfach eine langsamere Variante von Sex?

Moraya: Nein, Slow Sex ist viel mehr, als sich hinter dem Wort vermuten ließe. Es handelt sich um eine Form des Geschlechtsaktes, bei dem der Mann weder eine Erektion benötigt noch eine vorherige Erregung notwendig ist.

Was macht Slow Sex aus?

Moraya: Er bringt mehr Achtsamkeit ins Leben und Wertschätzung dem eigenen Partner gegenüber, es schafft eine emotional-energetische Verbindung, wo konventioneller Sex eher für Trennung und Separation sorgt.

Er kann uns entschleunigen und mehr Genuss bringen, wenn wir bereit sind, unserem Innersten mehr Aufmerksamkeit zu schenken und auch den kleinsten Regungen in uns zuzuhören und darüber mit unserem Partner/in zu kommunizieren.


Wie funktioniert das ganz konkret?

Moraya: Es gibt hierzu verschiedene Ansätze, die meist von meist tantrischen Lehrern angeboten werden. Gemeinsam haben sie, dass es nicht (wie beim konventionellen Sex üblich und bekannt) eine Grund-Erregung braucht, die entweder über ein Vorspiel aufgebaut werden oder bereits vorhanden sein muss.

Was tun bei...

Die Partner verabreden sich für einen Zeitraum X (1 – 3 Stunden sind empfohlen) und legen sich zunächst nur nackt zueinander, fühlen und tauschen sich darüber aus, wie das jetzt gerade für sie ist.

Der schlaffe Penis wird anschließend in die Vagina eingeführt – hierfür gibt es eine spezielle Technik die erlernt wird. Es gibt auch mehrere Stellungen, die empfohlen werden, damit es für beide über eine längere Zeit bequem bleibt.

Statt küssen, streicheln und dem üblichen „heiß machen wollen“ geht man in einen eher meditativen Zustand und spürt bewusst, was diese Verbindung mit einem macht.

Über Moraya Kraft: Moraya Kraft ist Gesundheitspraktikerin für Sexualkultur. Seit mehr als 7 Jahren beschäftigt sie sich mit allen Facetten der menschlichen Sexualität. Mit ihren Coaching-Angeboten will sie auf spirtuelle Weise wieder ein Bewusstsein für den Sex in seiner Urprungsform schaffen. Mehr Infos findest du hier.

Ungeübte Paare sollten diese „stille Zusammenkunft“ üben, bis darin eine Selbstverständlichkeit zu sehen ist. Das ist die größte Hürde. Wenn das alte Muster überwunden ist, kann es in in kleinen Etappen weitergehen. Das bedeutet konkret, dass immer nur so viel Streicheln, Küssen, Bewegung gemacht wird, wie noch gehalten werden kann, ohne dass sich das alte Programm „konventionellen Sex“ aktiviert.

Irgendwann erreichen Paare den Punkt, an dem diese neue Form des Slow Sex genussreich und stundenlang auch mit Bewegung (Penetration) gelebt werden kann. Ohne das dem Ziel der Ejakulation.

Jedes Paar entscheidet nach dem Erlernen natürlich individuell, wie sie das Ende dieser Slow Sex Zeit nutzen wollen. Es gibt kein Ejakulationsverbot. Die meisten versuchen, Slow Sex als etwas besonders Genussreiches in Ihr Leben zu integrieren und dem konventionellen Sex (mit Ejakulation) trotzdem seine Berechtigung zu lassen.

Muss ich dabei feucht sein?

Moraya: Nein, Slow Sex erfordert durch die weiche Penetration kein vorheriges Feucht-sein und nimmt dadurch auch gleichzeitig den Druck lustvoll sein zu müssen.

Wie wirkt sich das auf meine Beziehung aus?

Moraya: Die emotionale Bindung wird gestärkt. Diese wird oftmals von den Frauen stärker wahrgenommen und sie haben auch ein stärkeres Bedürfnis danach. Die Liebe des Partners kann deutlicher wahrgenommen werden. Dadurch können mehr Vertrauen, Harmonie, Verbindung, Intimität und Geborgenheit in einer Beziehung entstehen.

Welche Tipps haben Sie für Einsteiger?

Moraya: Ich empfehle für den Einstieg, wenn beide sich gleichermaßen dafür interessieren Lektüren, wie z. B. „Slow Sex“, „Soul Sex“ oder „Liebe würde Slow Sex machen!“ gemeinsam zu lesen. Danach kann man sich absprechen, wie man am besten starten möchte.

Wenn sich nur ein Teil des Paares Slow Sex wünscht und der andere zunächst nicht ganz so viel davon hält, empfehle ich ein Seminar.

Was ist das Ziel – wenn es nicht der Orgasmus ist?

Moraya: Das ist einfach! Genuss. Und zwar langfristig und nicht nur kurzfristig im Erreichen eines Höhepunktes. Zumal viele Frauen gar keinen Orgasmus erleben, stellt sich mir die Frage, ob der ganze Hype um den konventionellen Sex nicht übertrieben scheint und Slow Sex viel mehr die natürlichste Form von Sexualität ist, weil es um andere Dinge, wie den Orgasmus geht. Ich schließe eine immense Fehlprägung unserer Gesellschaft durch Pornografie etc. hierbei nicht gänzlich aus.

Hintergrund
So oft kommen Frauen beim Sex

Studien zufolge haben nur etwa 65 Prozent der Frauen regelmäßig einen Orgasmus beim Sex mit einem Mann. Bei homosexuellen Frauen kommen dagegen ganze 86 Prozent zum Höhepunkt.


Für wen ist Slow Sex gut geeignet?

Moraya: Für alle die sich nach mehr Nähe, Verbindung, Intimität, Geborgenheit mit Ihrem Partner sehnen. Paare die sich ggfs. auseinandergelebt haben oder wo es Schwierigkeiten in der Sexualität gibt, wie z. B. Männer mit Erektionsprobleme oder Frauen mit Anorgasmie.

Woher kommt der Orgasmus-Druck heutzutage?

Moraya: Ich denke, dass wir Menschen immer mehr in einer Gesellschaft leben, die von Perfektion und Effizienz geprägt wird. Alles muss schneller gehen, Kosten gespart, Pausen effektiver genutzt werden. Es wundert mich nicht, dass dem auch unser Sexleben zum Opfer fällt. Wir haben keine Zeit mehr dafür und wenn, dann muss es möglichst schnell ein Ergebnis bringen.

Diese innere durch Stress bedingte Haltung bringt zu viel Spannung ins Bett. Dabei braucht es Entspannung, damit sich sexuelle Erregung aufbauen kann. Diese Zeit nehmen wir uns oftmals nicht und deshalb geht aus meiner Sicht in der Sexualität sehr viel schief.

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